Mein Haus…

…ist ein Bethaus für alle Völker. Was außen am jüdischen Gemeindezentrum in Münster zu lesen ist, durften wir am Donnerstag im Inneren selbst spüren.

von Marcel Schlüter

Organisiert vom Arbeitskreis Antifaschismus durften wir am 4. Dezember das jüdische Gemeindezentrum und die Synagoge in Münster besuchen. Unsere Gruppe war mit vier KjGler*innen zwar überschaubar, dafür hatten wir umso mehr Gelegenheit, unsere individuellen Fragen zu stellen. Schnell wurde spürbar, dass die Botschaft „Mein Haus ist ein Bethaus für alle Völker“, die die Fassade des Gebäudes ziert, nicht nur eine wohlklingende Floskel ist, sondern hier wirklich gelebt wird. Jede und jeder ist willkommen, ganz gleich ob gläubig oder nicht und wenn gläubig, dann unabhängig von der eigenen Religion.

Der Kantor der jüdischen Gemeinde nahm sich zwei Stunden Zeit, um uns nicht nur das Gebäude zu zeigen (das viel mehr ist als nur ein Bethaus, und mit Hebräischunterricht, Kochabenden, Jugendzentrum und Fitnessstudio das Herzstück des Gemeindelebens bildet) sondern auch viele Aspekte des jüdischen Glaubens und Gemeindelebens näher zu bringen.

Dabei ging es etwa um die Rolle der Frau und um den Umgang mit gleichgeschlechtlicher Liebe. Antisemitismus und Erfahrungen mit Anfeindungen kamen ebenfalls zur Sprache. Wie real und ernst Bedrohungen des jüdischen Lebens auch heute wieder sind, wird schon vor Betreten des Gemeindezentrums mit Blick auf den Polizeischutz vor der Tür und der notwendigen Ausweiskontrolle im Eingangsbereich deutlich.

In der Synagoge selbst ist alles auf den Toraschrein ausgerichtet, der hier in Münster sieben Tora-Rollen beherbergt (eine ist aktuell für eine Ausstellung ausgeliehen). Gut ein Jahr dauert die Erstellung einer solchen Schriftenrolle, die die fünf Bücher Mose in hebräischer Schrift komplett von Hand geschrieben beinhaltet. Die Bima (Lesepult, im Judentum gibt es keinen Altar wie im Christentum) wird von je einer großen Menora (siebenarmiger Leuchter) auf der linken und der rechten Seite im Raum flankiert. Die jeweils mittlere Lampe brennt dabei nicht – als Zeichen der Trauer um die Zerstörung der Jerusalemer Tempel.

Von dieser Trauer abgesehen wird uns der Ablauf der Gottesdienste hier als oft sehr fröhliche Gemeinschaftsfeier beschrieben. Da wird viel gelacht, manchmal auch geschlafen (so eine Gemeinschaftsfeier kann auch schonmal bis zu 2 Stunden dauern), Kinder spielen im Gang zwischen den – übrigens sehr gemütlich gepolsterten – Sitzreihen, da werden auch mal Bonbons geworfen wie bei uns im Karnevalsumzug. Ein wahres Glaubensfest.

Herzlichen Dank an die jüdische Gemeinde in Münster und im Besonderen an ihren Kantor, dass wir diese Einblicke bekommen durften. Mit der Erkenntnis, dass uns über die Religionen hinweg viel mehr verbindet als uns trennt, haben wir uns wieder auf den Heimweg gemacht.

Kontakt