"Wir streiten zu wenig über Europa" - GUCKLOCH-Gespräch mit Sarah Weiser

Jonas Henke und Florian Bonzol haben sich am 3. April mit SPD-Europakandidatin Sarah Weiser unterhalten.  Das folgende Interview wurde im GUCKLOCH 01/2019 abgedruckt.

Hallo Sarah, vielleicht stellst du dich unseren Leser*innen erst einmal kurz vor?
Ja, gerne. Mein Name ist Sarah Weiser und ich bin Europakandidatin der SPD fürs Münsterland. Ich bin 25 Jahre alt, lebe seit 2011 in Münster, habe hier Jura studiert und studiere aktuell Philosophie und Politikwissenschaften im Master an der TU Dortmund. Nebenbei arbeite ich in einer Anwaltskanzlei in Gelsenkirchen. Gerade mache ich aber hauptsächlich Wahlkampf.

Du kommst gebürtig aus Gelsenkirchen, arbeitest da auch noch nebenbei und bist 2011 zum Studium nach Münster gekommen. Was hat dich an Münster so begeistert, dass du gedacht hast: hier bleibe ich?
Ich kannte Münster schon ein bisschen, da ich familiäre Verbindungen ins Münsterland habe. Die Familie meiner Mutter kommt aus Ahlen und da lag Münster nicht fern. Ich habe auch eine Tante und Cousins in Münster. In der Stadt habe ich mich einfach direkt zuhause gefühlt. Es gibt zwar immer eine gewisse Eingewöhnungszeit aber die Möglichkeiten, die man hier hat, sind so vielseitig. Die kulturellen Angebote, aber auch die Menschen, die ich kennengelernt habe und nachher auch das ehrenamtliche Engagement bei der SPD sind Dinge, die mich erstmal auf unbestimmte Zeit hier halten.

Du hast gerade schon erzählt, dass du Juristin mit erstem Staatsexamen bist, momentan noch studierst und nebenbei in einer Anwaltskanzlei arbeitest. Wie schaffst du es, dabei noch Wahlkampf zu führen?
Ich habe in diesem Semester nur noch wenig Uni, das war bis letzten Sonntag stressiger, da ich noch Uni-Abgaben machen musste. Ich werde für Mai vorarbeiten, dann Urlaub nehmen und später nacharbeiten, sodass ich im Mai Wahlkampf machen kann. Ansonsten geht aktuell vor allem Freizeit drauf.

Du hast dich 2018 entschlossen zu kandidieren. Was hat dich dazu bewegt?
Ich fand einfach, dass wir eine neue europäische Politik brauchen, dabei will ich mithelfen. Gerade die europäische Asylpolitik und eine noch immer hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa haben mich motiviert. Gleichzeitig haben wir in der Partei die Diskussion geführt, dass wir jünger und weiblicher werden müssen. Da musste ich mich dann selbst fragen: Wenn du genau das forderst, warum machst du‘s dann nicht? Darauf konnte ich erst nicht antworten und musste eine Weile in mich gehen. Dann habe ich irgendwann meinen Hut in den Ring geworfen und sehr positive Rückmeldungen bekommen. Schon war  ich nominiert.

Wie bist du überhaupt zur Politik gekommen?
Natürlich bekommt man das immer von der Familie mit und wird da ein bisschen politisiert. Aber was dann den Ausschlag gegeben hat, war, dass ich damals bei einem Bundestagsplanspiel „Jugend im Parlament“ 2009 oder 2010 teilgenommen habe. Da spielt man 3 Tage Bundestagsabgeordnete, sogar tatsächlich im Bundestag. Dabei habe ich dann viele junge Menschen getroffen, die bereits politisch aktiv waren. Schnell habe ich gemerkt, dass es richtig Spaß macht zu diskutieren und Politik so zu erleben.

Das Planspiel klingt spannend. Kannst du dazu noch etwas mehr erzählen?
Klar. Bei diesem Planspiel kommt man zum Bundestag und bekommt dort zuerst eine neue Identität. Man darf sich den Namen aussuchen, bekommt aber gesagt, wie man so ist. Ich glaube, ich war so mittelalt und in der Linken. Ich wurde von einem FDP-Abgeordneten geschickt, das war dann ganz witzig. Der hat es nämlich meinem Schulleiter überlassen, dass der sich wen aussuchen durfte. Dann tagt man dort als Fraktionen und als gesamter Bundestag. Natürlich gibt es dabei auch Leute, die das begleiten. Wir hatten drei Themen, die besprochen wurden. Es wurden auch Positionen, wie Sprecher*innen für bestimmte Themen und Redebeiträge für das große Plenum im Bundestag vergeben. Nach den Diskussionen haben wir dann natürlich die Gesetzesentwürfe auch abgestimmt. Das ganze gibt es im Landtag und im Bundestag. Es dürfen jeweils die Hälfte der Abgeordneten einen jungen Menschen schicken. Das sind dann drei Tage, an denen man auch die Gebäude gut kennenlernt. Im Gegensatz zu Besuchenden konnten wir uns auch auf der Fraktionsebene frei bewegen und im kompletten Bundestag herumlaufen. Damals war das allerdings auch noch nicht so extrem mit den Sicherheitsvorkehrungen und Securitychecks.
 
Diese Chance könnten also auch einige unserer Leser*innen wahrnehmen?
Genau! Einfach mal die Bundestags- oder Landtagsabgeordneten des eigenen Wahlkreises anschreiben und fragen, was so möglich ist!

Sarah, du bist jetzt 25 Jahre alt und damit im Vergleich zu vielen Europaabgeordneten noch sehr jung. Glaubst du, dass das mit Blick auf die Wahlen ein Vorteil für dich ist?
Vielleicht dahingehend, dass ich zu anderen Sachen eingeladen werde. Aber wahrscheinlich werde ich deswegen zu anderen Dingen wiederrum nicht eingeladen. Ich habe vielleicht einen einfacheren Bezug zu jungen Menschen, da meine Lebensrealität sehr ähnlich ist.

Hast du Angst davor, aufgrund deines Alters nicht ernstgenommen zu werden?
Nein! Das Gute ist ja, dass jede*r eine Stimme hat. Ich glaube, man darf sich nicht unterkriegen lassen, auch wenn das manchmal nicht einfach ist. Letztlich ist es wie in jedem anderen Beruf auch. Man muss da halt erstmal reinkommen und sich dann nicht von dem abbringen lassen, wofür man einmal angetreten ist.

Kannst du deine Politik in drei Sätzen zusammenfassen?
Versuchen wir es mal (lacht). Ich kämpfe für ein soziales und ein solidarisches Europa, das sich auch zu einer sozialen Union weiterentwickelt. Also das gemeinsame Sozialstandards schafft, Mindestlöhne festlegt, um soziale Sicherheiten zu fördern. Denn ich möchte, dass alle Menschen in Europa eine Perspektive haben.

Lief doch. Schaffst du es auch in drei Schlagworten?
Soziales Europa, humanitäre Verantwortung und Klimaschutz.

Was stört dich an der EU am meisten, was würdest du ändern wollen?
Politisch würde ich gerne die neoliberale Sparpolitik ändern. Denn ich glaube, wir müssen mal konsequent in der Wirtschaftspolitik umdenken und in die Menschen und die Regionen investieren. Strukturell würde ich mir wünschen, dass das Europäische Parlament noch weiter gestärkt wird, ein Initiativrecht bekommt, das volle Haushaltsrecht bekommt und in einigen Entscheidungen, bei denen der Rat einstimmig entscheiden muss, eine qualifizierte Mehrheitsentscheidung bekommt, damit wir etwa in der Steuergesetzgebung weiter voran kommen.

Lass uns mal über Artikel 13 reden. Dadurch steht die EU bei vielen jungen Menschen massiv in der Kritik und kurz nach der Abstimmung war beispielsweise #niewiederCDU der Top-Hashtag auf Twitter. Warum lohnt es sich deiner Meinung nach trotzdem für Europa einzustehen.
Das hat ja nicht die EU als eine Akteurin bestimmt. Besonders an der Abstimmung zur Urheberrechtsreform hat man gemerkt, dass es einen Unterschied macht, wer im Parlament sitzt. Es sind Fraktionen mit unterschiedlichen Meinungen. Diese Abstimmung hat gezeigt: Es gibt einen Grund, zur Wahl zu gehen. Denn es wird solche Entscheidungen auch in der Zukunft geben.

Glaubst du, dass die ganze Debatte um die Urheberrechtsreform zur Folge haben kann, dass die CDU bei den kommenden Wahlen die junge Generation verliert und die SPD beflügelt wird?
Ich war schon überrascht, dass es diesen Hashtag gab. Ich glaube, dass die Union deutlich gemacht hat, dass sie die Bürgerinnen und Bürger und besonders die jungen Menschen nicht ernst nimmt. Das finde ich erschreckend. Versuchen die Wahl vorzuziehen, Menschen als Bots zu bezeichnen, jungen Menschen nachsagen, sie würden Demogeld bekommen. Das sind Vorwürfe, die völlig an den Haaren herbeigezogen sind und zeigen, dass die jungen Menschen nicht ernst genommen werden, die ihre Rechte wahrnehmen und sich politisch beteiligen. Ich glaube, dass das eine Wirkung entfalten wird, aber ich glaube nicht, dass es das einzige politische Thema ist, das die Wahl entscheidet. Ob das für uns ein Vorteil ist, kann ich nicht absehen.

Wir waren gerade bei jungen Menschen, die auf die Straße gehen. Da liegen die Fridays for Future nicht fern. Wie stehst du persönlich dazu?
Ich finds gut, dass sie demonstrieren. Meine Solidarität haben sie. Ich finde die Diskussionen, die darüber geführt werden, grausig. Da reden Menschen, die nicht verstanden haben, was ein Streik ist und die unterschätzen, dass junge Menschen verstehen, was da passiert. Ich würde mir wünschen, dass wir als Gesellschaft, diese jungen Menschen unterstützen und ihre Anliegen nach vorne treiben würden. Weil es richtig wäre, mit zu demonstrieren und aus der Jugendbewegung eine Gesellschaftsbewegung zu machen, anstatt darüber zu reden, ob sie zur Schule gehen oder nicht.

Wie stellst du dir diese Unterstützung konkret vor?
Das ist ja mehr ein Verweis darauf nicht nur zu sagen: „Die dürfen die Schule nicht schwänzen“. Ich hab‘ schon gehört, dass Großeltern für ihre Enkel auf die Straße gehen, damit diese zur Schule können. Das ist nicht unbedingt die Idee dahinter, sondern die Schüler*innen müssen das Gefühl haben, dass wir sie ernst nehmen, dass wir sehen, dass der Klimawandel politisch bislang noch nicht genug aufgegriffen wurde, die Bemühungen, die gemacht wurden, noch nicht ausreichend sind. Und sobald das Gefühl entsteht, dass sie ernst genommen werden und dass man sich kümmert, gäbe es ja keinen Grund mehr zu demonstrieren. Wir müssen den Klimawandel zu einem ernsten Anliegen machen und auf die Agenda bringen.

Wie stehst du zu dem Vorwurf des Schuleschwänzens?
Ich halte den Vorwurf für unberechtigt. Vor allem trifft es auch nicht meine Erfahrung. Ich glaube, dass viele Schüler*innen sehr bedacht sind, einen guten Abschluss zu bekommen und eher Sorge haben. Als ich Abi gemacht habe, habe ich das auch mitbekommen. Da hieß es eher: „Hoffentlich bekomme ich überhaupt den Studienplatz oder die Stelle, die ich gerne hätte“. Junge Menschen haben ein Interesse daran, die Bildung zu bekommen, die sie wollen. Aber sie sagen auch zurecht:  Was bringt mir das, wenn die Welt dann nicht mehr dieselbe ist?

Wir gucken nochmal auf Europa. Wie siehst du Deutschlands Verantwortung innerhalb der EU?
Ich glaube alle europäischen Länder haben füreinander Verantwortung. Wir merken ja, dass die EU in Frage gestellt wird und wir haben die Aufgabe sie zu schützen, da es meiner Meinung nach keine Alternative zu einer europäischen Zusammenarbeit gibt wenn wir die globalen Herausforderungen, die sich uns stellen, lösen wollen. Deutschlands Rolle fängt glaube ich da an, dass man sich nicht so darstellen muss, als würde alles auf dem Rücken der Deutschen in der EU passieren und als würden die Deutschen für alles zahlen. Das ist ja auch so ein bisschen das Märchen, das existiert. Wir profitieren massiv davon, mitten in Europa zu sitzen, keine Grenzen zu haben und unsere Produkte exportieren zu können.

Warum sollte man dich wählen?
Ich bin angetreten, weil ich gesagt habe, dass auch junge Menschen die Zukunft Europas mitbestimmen sollen. Das bedeutet nicht, dass ich möchte, dass das gesamte EU-Parlament aus unter 30-jährigen besteht, sondern, dass verschiedene Lebensrealitäten abgebildet werden. Das ist momentan einfach nicht der Fall. Ich bin anders aufgewachsen als die meisten Menschen, die gerade im Europäischen Parlament sitzen und bringe eine andere Perspektive mit. Die EU ist für mich in gewisser Weise eine Selbstverständlichkeit. Sie ist aber auch etwas, was ich nicht missen möchte. Ich glaube das ist etwas, was mich gegenüber anderen Kandidierenden auszeichnet.

Wie würdest du junge Menschen davon überzeugen, zur Wahl zu gehen?
Mit dem Punkt, den ich eben auch schon angesprochen habe: Dass es einen Unterschied macht, wer im Parlament sitzt. Es ist eben nicht dieser Einheitsbrei, denn es gibt verschiedene Visionen für die EU. Wenn man das mitbestimmen möchte, sollte man sich angucken, wo die Unterschiede liegen. Ich glaube, dass das einem am meisten zeigt, worum es eigentlich geht. Die Parteien haben so fundamentale Unterschiede bei vielen Fragen, deswegen kann die Ausrichtung der EU auch in viele verschiedene Richtungen gehen. Das würde ich als Grundmotivation nehmen, denn ich finde wir streiten zu wenig über Europa. Natürlich gehört dazu auch, dass ich nicht möchte, dass viele Europafeinde im Parlament sitzen. Die haben da nichts zu suchen.

Was möchtest du unseren Leser*innen noch sagen?
Ich kann nachvollziehen, warum die EU manchmal so weit weg und kompliziert wirkt. Aber man darf auch nicht diese Ansprüche daran stellen. Ich vergleiche das immer gerne mit Deutschland. Wer weiß denn schon genau, wie Gesetze verabschiedet werden, wenn man nicht gerade Politik oder Jura studiert hat? Und trotzdem beschäftigt man sich damit und geht wählen. Das gleiche gilt für die EU. Es sind politische Entscheidungen, die eine Richtung bestimmen. Die EU ist noch nicht fertig. Wir haben die Möglichkeit, sie noch mit zu gestalten. Ich will nicht zu der Generation gehören, die dieses großartige Projekt gegen die Wand fährt und deshalb sollten wir alles daran setzten, das weiterzuentwickeln und die EU zu gestalten.

Danke dir für das Interview und dass du dir Zeit für und genommen hast! Wir wünschen dir einen spannenden Wahlkampf.
Vielen Dank euch.

Foto: Elke Bock | Photography